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31. Oktober

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Buddhistische Ökonomie

Man kann zum Geld auch ‚Nein!' sagen!

Franz-Johannes Litsch GeldDie Wirtschafts- und Finanzkrise hat zu einem gewissen Umdenken geführt – allerdings nicht bei jenen, die ihre Hauptverursacher waren.

Die Financial Times titelte jüngst: „Die Rendite der Ent-menschlichung". Auch der Wirtschaftspresse ist demnach aufgefallen, dass das erreichte Stadium des modernen Finanzkapitalismus moralisch nicht mehr zu rechtfertigen ist. Aus buddhistischer Perspektive verwundert das nicht, auch wenn sogar Buddhisten inmitten dieser von Geldgier und dem Diktat der Märkte geprägten Welt leben. Als Einzelner lässt sich hier wenig ausrichten. Doch die buddhistische Diagnose lautet, dass letztlich alle Phänomene in ihrer Bedeutung im Geist wurzeln. Wir dürfen also – gerade als Buddhisten – die Hoffnung nicht aufgeben, dass durch eine gemeinsame Aktion vieler Menschen auch das Finanzsystem gezügelt, große Banken in kleine zerlegt und der Spekulation deutliche Riegel vorgeschoben werden können. Es ist eine schwere Aufgabe, da verblendete Gewohnheiten hier ein sehr massives, massenhaftes Karma geschaffen haben.

Individuell lässt sich gleichwohl einiges jeweils für einen selber und für kleine Gemeinschaften ändern. Vor jeder Therapie steht die Diagnose. Bezüglich des Geldes lautet sie: Hier haben die drei Geistesgifte – Gier, Hass, Unwissenheit – nicht nur einen Geist verdunkelt. Diese Geistesgifte sind vielmehr durch massenhafte Gewohnheit zu einer sozialen Institution geworden. Warum? Geld ist nie ‚neutral'. Die Gesellschaft liefert im Konkurrenten, in den Medien, in der Politik unaufhörlich Material, den Geist erneut zu kontaminieren. Und dies allein dadurch, dass wir für unser alltägliches Leben genötigt scheinen, immer durch das Geld hindurch zu agieren: arbeiten, um zu kaufen, und kaufen, um leben und wieder arbeiten zu können. Nüchtern betrachtet, ist das ein ziemlich verrücktes Spiel – ein Teufelskreis (samsara). Hier helfen jene Traditionen des Buddhismus, die alle Phänomene als Spiel des eigenen Geistes erkennen. Man kann zwar nicht nicht mitspielen, aber man lässt sich auch nicht vom Spiel beherrschen. Wie funktioniert das? Das Geld hat sich zwar in allen sozialen Beziehungen eingenistet, Freundschaften, Ehe, Bildung und Religion inklusive, doch es organisiert noch nicht alle sozialen Beziehungen. Wenn man den inneren Fokus auf das legt, was nicht durch das Geld vermittelt wird, entwickelt sich die unmittelbare Erfahrung gegenseitiger Abhängigkeit, die auf Fairness, im besten Fall sogar auf Mitgefühl gründet. Wann immer im eigenen Geist eine Logik von ‚mehr Geld ist besser' auftaucht, wie zum Beispiel „Warum bekomme ich nur 1% Zinsen aufs Festgeld?", wäre die richtige Reaktion: Die Logik erkennen, ihr dadurch die blinde Macht nehmen und Zufriedenheit mit dem einüben, was man hat. Das ist gar nicht so schwer und kann auch praktisch umgesetzt werden: Man legt sein Geld bei Banken an, die nur (überprüfbar) ethisch investieren und übt sich darin, Geld großzügig zu spenden, wenn man mehr hat, als man momentan braucht.

Die in den Medien vermittelte Angst um die Zukunft, gegen die man ansparen, Geld horten und Eigentum erwerben müsse, ist nur die Rückseite des Gifts der Unwissenheit. Niemand besitzt die Zukunft. Eben deshalb ist die im Zinssatz sozial institutionalisierte Geldgier, die vertraglich durchgesetzte Forderung, künftig mehr an Geld zurückzubekommen, als man gibt, nur eine vergiftete Geisteshaltung. Eigentum wird durch Kriege und Katastrophen, Angespartes durch Inflationen vernichtet. Die Pflege eines klaren, großzügigen und mitfühlenden Geistes ist hingegen eine weitaus bessere Investition.

Die Herrschaft der Rendite über die ganze Gesellschaft, in den letzten Jahrzehnten politisch durchgesetzt, die Unternehmen ausschlachtet, Menschen als bloßes Material benutzt usw., beruht auf der Blindheit aller Akteure – nicht nur der Banker – gegenüber den Wirkungen ihres Tuns. Buddhisten können und dürfen im Geld diese Fernwirkungen nicht übersehen: „Ich spare doch nur in einem Fonds mit 10% Zinsen." Nur? Am Ende werden mit diesem Geld durch Spekulation 10% der Existenzen ruiniert. Darauf, nämlich auf diese gegenseitige Abhängigkeit, immer wieder hinzuweisen, das ist der erste kleine Schritt alltäglichen Mitgefühls, des Nicht-mehr-Mitmachens. Es gibt aber auch das große Nein: Island sagte jüngst ‚Nein' zur Wall Street und zur Londoner City; amerikanische Anleger nehmen ihr Geld von den großen Banken und geben es kleinen Regionalbanken. Auch Regionalwährungen und lokale Tauschringe zur gegenseitigen Hilfe sind ein wunderbar friedlicher Weg, die Herrschaft des Geldes zu mindern. Wir sollten also die Hoffnung nicht aufgeben, dass ein gemeinsames Nein zum herrschenden Geldsystem den kapitalistischen Geist der Gier doch einschränken und weitgehend ersetzen kann.

Karl-Heinz Brodbeck, geboren 1948, ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der FH Würzburg. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Ethik, Philosophie der Wirtschaft und buddhistische Philosophie. Er ist seit über 25 Jahren Dharma-Praktizierender, beeinflusst vor allem durch die Theorie und Praxis des Madhyamika-Systems.

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