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06. Februar 2012

Letztes Update:12:32:50

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Nina Hagen im Interview

Ich bin eine Missionarin

Nina HagenIn Nina Hagen scheint man einer sinnlich-spirituellen Frau zu begegnen, die den Frieden mit sich und der Welt gefunden hat. Gleichwohl ballt sie die Faust bei all den Ungerechtigkeiten dieser Welt. Aus der vormals verrückt-provokativen Nina ist eine reife, empathische und sensitive Lady geworden. Nach einem Konzert im Juli in der Wiener Stadthalle trafen wir die Allround-Künstlerin zu einem Gespräch.

U&W: Sie sind seit vergangenem Jahr evangelisch-reformiert getauft. Was bedeuten Jesus und Religion für Sie?

Im Namen Jesu werden viele Dinge ausgedrückt und Streitereien angefacht. Das hat man ja schon an George Bush gesehen, der behauptet, ein Christ zu sein. Die ganze Welt weiß aber, dass er Mitglied von so einem komischen Geheimclub ist, schon seit der Uni-Zeit in Yale, Skull and Bones, wo viele Männer aus der heutigen amerikanischen wirtschaftlichen Elite Mitglied sind. Der Name Gottes und der Name Jesu werden von vielen Menschen missbraucht. Es werden ja in Gottes Namen sogar Waffen gesegnet.

Lässt sich Ihre Religiosität an einem fixen Ereignis festmachen?

Ich habe Jesus in einer Nahtod-Situation gefunden, als ich 17 war in Ostberlin. Es war während eines LSD-Trips. Ich habe auf meiner ersten englischen Platte viele Bibel-Zitate verwendet. Ich war schon immer mit Jesus unterwegs. Ich habe mich aber nicht getraut, mich taufen zu lassen, weil ich dachte, das sind alles Faschisten. Bis zu dem Tag, als ich meinen Pastor getroffen habe, und mit ihm habe ich angefangen, Briefe an meine Kanzlerin zu schreiben und um Hilfe zu bitten. Dann bin ich draufgekommen, dass mein Pastor Wehrdienstverweigerer unterstützt und ein richtiges Netzwerk gegründet hat.

Sind Sie eine Globalisierungskritikerin?

Ich bin keine Gegnerin, ich bin eine ‚Für-Sprecherin'. Ich bin für den Frieden, für die Gerechtigkeit, für die Basisdemokratie, für Bürgerinitiative und für die Erhaltung der Schöpfung. Es reicht nicht, nur gegen etwas zu sein.

Finden Sie diese Dinge im Christentum am meisten vertreten?

Ich kenne viele tolle Christen und viele tolle Atheisten, die ethisch sehr gut drauf sind, aber mit dem Prinzip Gott nichts anfangen können. Aber das macht nichts, denn die Ethik an sich ist ja schon göttlich.

Was ist Gott für Sie?

Liebe.

Und Sie spüren die Liebe?

Ja, jedes Mal, wenn ich in eine Banane reinbeiße. Immer. Ich lebe in der Liebe und deshalb lebe ich in Gott. Auch wenn ich keine verheiratete Frau UW73SP-Nina_Hagen4bin und in keiner Beziehung lebe. Die Leute denken, dass ich keine Liebe habe oder dass ich ein armes Schwein bin.

Sie leben im Zölibat?

Ja, genau. In der ‚Bild-Zeitung' schreiben sie lauter Blödsinn. Manche Menschen schreiben im Internet so gemeine Sachen über mich, dass sich der Teufel, wenn es ihn gibt, die Hände reibt. Da wird Hass gesät und Altersrassismus betrieben gegen eine unschuldige Frau, die einfach aus ihrem Leben berichtet hat oder aus ihrem Glauben.

Das heißt, Sie werden angefeindet, wenn Sie sagen, dass Sie enthaltsam leben?

Genau, die denken alle, ich lebe nicht in der Liebe oder bin nicht verliebt oder ich habe keine Liebe. Wer weiß, ob ich das bis zum Ende meines Lebens durchziehen werde. Die Liebe zwischen zwei Menschen ist auch ein Gottesgeschenk. Man kann von mir nicht erwarten, dass ich Gigolos anrufe, wenn ich nicht verliebt bin.

Was war der Grund für den Entschluss zum Zölibat?

Jede Beziehung in meinem Leben ist immer wieder auseinandergegangen. Man selber stirbt und es dauert eine lange Zeit, bis man mit der Hilfe Gottes wieder geheilt wird und wieder heil ist, wieder in der Freiheit. Glücklich allein ist die Liebe, die liebt.

Wie verteilen Sie Ihre Liebe?

So wie alle anderen Menschen auch, nicht besser und nicht schlechter. Ich bin nicht gut. Das nehme ich nicht für mich in Anspruch. Ich versuche einfach, gute Sachen zu machen und diese nicht an die große Glocke zu hängen. Darüber habe ich auch ein Buch geschrieben.

Wie würden Sie Ihre Ethik beschreiben?

Meine Ethik ist, dass ich ein Punk bin und immer noch auch mal spucken darf. Das ist Reinigung für mich. Weil ich in einer Welt lebe, in der sogar im Namen Jesu Kriege geführt werden. Deswegen muss ich manchmal spucken wie ein Punk.

Sie sind immer noch im Herzen ein Punk?

Merkt man das nicht? Ich bin ein im Geist getaufter Punk. Ich bin happy damit!



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