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22. November

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Interview mit Sharon Salzberg

'Buddha unterrichtete einen way of life'

UW69INT-Buddha_unterrichtete_einen_way_of_lifeDie bekannte amerikanische Meditationslehrerin Sharon Salzberg, 57, strahlt Wohlwollen und Güte aus. Und das kommt nicht von ungefähr. Seit 1974 unterrichtet sie Metta-Meditation. Sie spricht über ihre schwere Kindheit, ihre Liebe zum Buddhismus, Kindererziehung und ihre Zukunft.

 

Wie war Ihre Kindheit?

Meine eigene Kindheit war voller Leiden, Streit und Verlust. Ich war sehr unglücklich. Meine Eltern trennten sich, als ich vier Jahre alt war, und meine Mutter starb, als ich neun war. Danach musste ich mit den unterschiedlichsten Familienkonstellationen zurechtkommen, das war nicht immer leicht für mich. Das Schlimmste war jedoch, dass niemand mit mir offen gesprochen hat. Nach dem Tod meiner Mutter lebte ich bei den Eltern meines Vaters – und das, obwohl ich sie kaum kannte. Vieles wurde tabuisiert, ich musste viele meiner Gedanken für mich behalten oder verstecken. Alles war sehr schmerzvoll für mich und ich wusste nicht, wohin mit meinen Gefühlen.

Was führte Sie auf den Pfad der Spiritualität?

Als ich aufs College kam, belegte ich Asian Philosophy und Kurse über Buddhismus. Sofort war ich beeindruckt: Mir gefiel das laute Artikulieren des eigenen Leidens und der Gefühle. Der Buddhismus war wie eine Befreiung für mich, ist Teil meines Lebens. Endlich lernte ich Techniken kennen, die mir halfen, meinen inneren Schmerz zu verwandeln und meine Trauer aufzuarbeiten.

Hatten Sie irgendeinen spirituellen Background in der Familie?

Ich wurde von meinen Großeltern erzogen, sie waren zwar praktizierende Juden, dies hatte jedoch keine spirituelle Bedeutung für mich.

Gab es ein Ereignis, das Sie den Weg einer Lehrerin einschlagen ließ?

Ich habe nie beschlossen, Lehrerin zu werden. Während des Studiums verbrachte ich über ein Jahr in Indien. Ich war zwar nicht daran interessiert, Buddhistin zu werden und über Dogmen, buddhistische Philosophie oder den Dharma zu lernen, mein Interesse galt den Methoden. Im Jänner 1971 begann ich allerdings, meine erste echte Erfahrung in einem Retreat zu machen. Ich wollte alles lernen, alles entdecken. Auch das Gefühl, in einer Gemeinschaft zu sein, war wundervoll und damals entschloss ich mich, für immer in Indien zu bleiben – nach dem Motto: Das ist jetzt mein Leben, das ist das einzig Wahre.
Nach eineinhalb Jahren musste ich jedoch wieder in die USA zurück, um mein Studium abzuschließen. Als ich mich von meiner Lehrerin Munindra verabschiedete, sagte sie: „Wenn du zurück in die Staaten gehst, wirst du unterrichten.“ „Nein“, sagte ich und sie erwiderte: „Doch, du weißt wirklich, was es heißt zu leiden, deshalb kannst du auch unterrichten. Und: Du kannst alles tun, was du willst, wenn du daran glaubst.“ Als ich zurückkam, half ich zuerst Joseph Goldstein in seinen Kursen. Bis dahin dachte ich immer noch, dass es nur eine vorübergehende Aufgabe sei und ich früher oder später nach Indien zurückkehren würde. Heute ist es sehr inspirierend für mich zu unterrichten. Trotz der großen Anfangsschwierigkeiten bin ich mit meiner Arbeit glücklich. Lange Zeit war ein sicheres Einkommen ungewiss.

Wie leben Sie, wenn Sie nicht als Lehrerin tätig sind?

Heute unterrichte ich nicht mehr so viel und schreibe Bücher. Ich wohne in einem kleinen Appartement in New York City und unterrichte meistens nur noch abends.

Was ist Ihrer Meinung nach bei der Kindererziehung besonders wichtig?

Integrität. Man muss man selbst sein, alles andere ist Heuchelei. Ich habe eine elfjährige Patentochter, die mir sehr nahe steht. Sie zeigt mir jedes Mal, wenn ich mich verstelle, wenn ich mit mir nicht ganz ehrlich bin. Kinder spüren mehr als Erwachsene. Sie werden sicherer, wenn sie merken, dass jemand ehrlich handelt und lebt, was er oder sie verspricht.

Wie waren Ihre Erfahrungen mit jungen Meditationsschülern?

In meinem Kinder-Curriculum ging es nicht nur um Buddhismus. Wir versuchen vor allem, Werte zu vermitteln und Dinge aus dem Alltag konkret anzusprechen wie: „Denk an einen Freund in der Schule, mit dem du dich gestritten hast. Kannst du dir vorstellen, mit ihm wieder befreundet zu sein? Wann fühlst du dich glücklich? Stell dir vor, wie sich jemand anderer in deiner Situation fühlt.“
Ein Beispiel aus meinem engeren Familienkreis: Als meine Patentochter Willow vier Jahre alt war, verkündete sie ihrer Mutter, dass ich jetzt ihre Patentante sei. Ihre Mutter sagte: „Du musst sie doch fragen!“, worauf Willow antwortete: „Du kannst sie fragen, aber sie ist es!“ Ich fühlte mich geehrt und freute mich sehr, wir haben ein tolles Verhältnis. In ihrer Schule haben sie so etwas wie ‚silent periods’, also zeigte ich ihr, wie man meditiert. Als sie acht oder neun Jahre alt war, fragte sie mich in einem E-Mail, ob ich ihr sagen könnte, woher das Universum und der Weltraum kommen, woher die Liebe kommt und ob Liebe und Weltraum etwas miteinander zu tun haben. Zuerst war ich etwas perplex, aber zum Glück gibt es ein Zitat von Buddha selbst: „Entwickle einen Geist, der mit Liebe erfüllt ist.“ – Er gleicht dann einem Weltraum, der nicht übermalt oder zerstört werden kann. Ich habe Willow das geschrieben. Wenn jemand in der Schule etwas sagt, das dich verletzt, hast du zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Dein Geist kann so groß sein wie der Himmel und deine Gefühle können, ähnlich wie Wolken, über diesen Himmel wandern, da dein Geist groß und offen ist. Die zweite Möglichkeit ist, wie ein Schwamm zu sein, der alles aufsaugt, den ganzen Schmerz in sich hineinsaugt. Nachdem ich dies Willow geschrieben hatte, erzählte mir ihre Mutter einen Monat später, dass Willow einen Streit mit ihrer kleinen Schwester gehabt hatte. Sie ging ums Haus und sagte: „Ich bin wie der Himmel, ich bin kein Schwamm.“ Schön ist es, wenn Kinder Dinge in die Praxis umsetzen.



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