„Aller Mangel in uns ist heilbar!"

UW76INT-Aller_Mangel_in_unsDie Meditationslehrerin Hildegard Huber leitet seit 2006 das Vipassana-Meditationszentrum im bayrischen Sonnenthal. Für ihre Verdienste in der buddhistischen Lehre bekam sie am 15. Mai dieses Jahres den ‚Annual Benefactor of Buddhism Award for teaching Buddhism and Vipassana Meditation' in Chiang Mai, Thailand, verliehen. Nur selten erhalten ausländische Lehrer diese Auszeichnung. Wie es dazu kam, dass sie ihr Leben der Lehre Buddhas widmete, und wie sie diesen Weg konsequent lebt.

U&W: Wann haben Sie angefangen zu meditieren?

Hildegard Huber: In meinen Zwanzigern reiste ich oft nach Thailand. Meine Freunde dort meinten immer, ich sollte im Tempel meditieren, das wäre das Richtige für mich. Aber ich drückte mich drei Jahre lang davor, wollte lieber das Leben genießen, als an einen Ort zu gehen, von dem ich annahm, dass das Leben dort endete. 1992 dann gab es bei einer Massage einen Moment tiefer Entspannung und es überkam mich ein Gefühl umfassender Dankbarkeit gegenüber dem Dasein. Ich fragte mich: „Was kann ich Gutes tun?" und wie ein Blitz kam die Antwort: „Meditiere!" Das war kein Denken in diesem Augenblick. Danach konnte ich gar nicht mehr anders. Ich begann in einem Tempel in Nordthailand meinen ersten Kurs. Zehn Tage sollten es werden. Am Ende verlängerte ich um einen Tag. An dessen Ende verlängerte ich um einen weiteren. Dann noch einen. Und so ging das weiter. Ich blieb schließlich acht Monate dort.

U&W: ‚Das Leben genießen' und ‚Meditation im Tempel' – das klingt nach Gegensätzen ...

Huber: Im Gegenteil – dort wird einem bewusst, wo die Hindernisse sind, die ein Leben in Liebe, Freude und Leichtigkeit vereiteln. Wenn man die beseitigt, kann man überhaupt erst das Leben genießen. All das, was wir uns so sehr wünschen, wird dadurch möglich.

U&W: Was haben Sie vorher in Ihrem Leben gemacht?

Huber: In den Achtzigerjahren jobbte ich in einer Disco an der Bar, in den Neunzigern führte ich mit meiner Schwester einen Bioladen. Ich wollte nie in dieses Laufrad ‚leben, um zu arbeiten' hinein. Es war mir immer wichtig, genug Zeit zu haben, um das zu suchen, was ich ahnte, was aber für mich zunächst nicht sichtbar war. Das gab mir genug Geld und Zeit, um nach Asien zu reisen und schließlich der Lehre Buddhas zu begegnen.

U&W: Wie kam es dazu, dass Sie Meditation lehren?

Huber: Das ging so: Der Abt des Tempels, Ajahn Tong, war und ist mein Lehrer. Er begleitet seine Schüler fortwährend bei der Meditation und sieht, wie weit der Einzelne mit seinen Erkenntnissen ist.UW76INT-Aller_Mangel_in_uns2 Danach vergibt er die Lehrerlaubnis. Nach zwei Monaten im Tempel wurde ich Assistenzlehrerin. Später, in Deutschland, kamen Leute auf mich zu und baten, gelehrt zu werden. So begann ich mit einem kleinen sonntäglichen Kreis. Es folgten Wochenenden und 1994 organisierte ich den ersten längeren Kurs mit Ajahn Tong in Deutschland. Seitdem findet dieser Kurs jährlich hierzulande statt, teils unter seiner Leitung, teils unter der Leitung seiner Assistenzlehrer. 1998 erhielt ich vom Tempel das Zertifikat mit der vollen Lehrerlaubnis. Seit 2004 lehre ich nur noch und habe sozusagen das weltliche Leben aufgegeben.

U&W: Haben Sie keine Existenzängste?

Huber: Überhaupt nicht. Im Gegenteil, mein Leben ist dadurch fruchtbarer geworden. Es ist überraschend: Ich habe kein Einkommen und trotzdem ist alles da. Ich erkannte: Wenn ich Mut habe, mein Leben zu leben, muss ich mich nicht sorgen.

2004 regte Ajahn Tong an, hier ein Zentrum zu etablieren. Wir gründeten einen gemeinnützigen Verein und suchten ein Objekt, das sich als Zentrum eignet. Dies hörte ein Schüler von mir, der den Reichtum von Vipassana erlebt hatte. Aus Wertschätzung heraus bot er an, die Einsiedelei Sonnenthal bei Landshut zu erwerben und der Lehre Buddhas zur Verfügung zu stellen. Nun ist das Haus voller Gäste.

U&W: Wie finanziert sich das Zentrum?

Huber: Alles läuft über ‚Dana', freiwillige Spenden, die laut Buddha eine heilsame Handlung darstellen. Es gibt keinen Zwang, keine Kontrolle. Im Sonnenthal gehört mir nichts. Die Freiheit, nichts zu besitzen, ist für mich der größte Luxus. Und sogar die Nachbarn, die gar nicht so genau wissen, was ‚die da in der Einsiedelei machen', helfen uns gerne, geben Nahrungsmittel oder räumen mal den Schnee. Die sehen einfach, dass wir nichts Unrechtes machen.



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