ursache.at

23. Oktober

Letztes Update:10:46:50

HOME > Spiritualität > Persönlichkeiten > „Aller Mangel in uns ist heilbar!"

„Aller Mangel in uns ist heilbar!"

 

U&W: Warum lehren Sie buddhistische Einsichtsmeditation?

Huber: Das sucht man sich nicht aus. Es lehrt sich durch mich. Mein Leben war vorher nicht ‚befruchtet'. Ich wusste zwar, dass es da ist, aber sah es nicht. Man muss genau hinschauen, dann sieht man es. Anfangs zögerte ich und hatte Angst, es zu lehren, wollte mich lieber verstecken, aber nun ist da kein ‚Ich' mehr, das diesen Konflikt erleben könnte. Nun möchte ich möglichst vielen Leuten den Weg zeigen, es zu erfahren.

U&W: Sie sagten gerade oft ‚es'. Was ist ‚es'?

Huber: Mit ‚es' meine ich das Leben, den Weg, Dhamma – die Lehre Buddhas, die Leidlosigkeit, Nirvana, das Göttliche ... Viele Begriffe, aber das ist alles eins. Das kann man nur durch Praktizieren erleben. Dann bleiben keinerlei Zweifel.

U&W: Warum sind Sie nicht in einer christlichen Tradition geblieben?

Huber: Die Einsichtsmeditation ist grundsätzlich nicht religiös. Man muss keineswegs das Christentum verlassen, um Einsichtsmeditation zu üben. ‚Es' ist in uns. Wir müssen lernen hinzuschauen. Dazu nehme ich Buddhas Pfad, denn der lehrt uns Einsicht mit seiner einzigartigen Methode der rechten Achtsamkeit. Und die gibt es so im Christentum nicht. Ich empfinde es, als sei ich von der Lehre und der Tradition gefunden worden, nicht umgekehrt.

U&W: Muss man Nonne oder Mönch werden, um sich gänzlich in die buddhistische Tradition zu begeben?

Huber: Nein. Auch Laien können diesen Weg erfolgreich beschreiten. Wäre ich selbst im Tempel in Thailand, würde ich das tun. Aber hier würde es die Menschen eher befremden, schon rein äußerlich. Hier gibt es eben diese Tradition nicht. Sehen Sie: Es ist mir ganz wichtig, dass die Leute in meiner Heimat Deutschland die Lehre in ihrer eigenen Sprache hören können. Ich muss aber erwähnen, dass ich die rein weiße Kleidung, die man als Laie im Tempel trägt, seit 1992 beibehalten habe. In anderen Farben fühle ich mich unwohl, ich kann nicht anders.

U&W: Ist Ihr Lehrer erleuchtet?

Huber: Der Tradition gemäß sagt man das über einen Mönch erst nach seinem Tod. Ajahn Tong wird aber von den Thais jetzt schon wie ein Erleuchteter geschätzt und behandelt. Er ist einer der ranghöchsten Lehrer für Einsichtsmeditation in Thailand und bekam kürzlich sogar einen Ehrentitel aus Burma. Zu meiner Lehrtradition möchte ich gerne noch etwas sagen: Neben Zen, tibetischen und anderen Wegen ist das Vipassana des ursprünglichen Buddhismus nur eine Variante. Im Vipassana gibt es wiederum verschiedene Techniken aus verschiedenen Ländern. Und aus Thailand stammen wieder verschiedene Lehrweisen. In der Tradition Ajahn Tongs ist Dhammacari das einzige Meditationszentrum in Deutschland. Es gibt daneben noch drei thailändische Tempel bei Frankfurt, Ulm und am Bodensee, wo man an bestimmten Abenden unsere Meditationstechnik kennenlernen kann.

U&W: Was macht man, wenn man meditiert?

Huber: Es ist achtsames Verbeugen, achtsames Gehen und achtsames Sitzen mit Beobachtung des Atems. Dies dient als Basis zur umfassenden Bewusstmachung. Man soll letztlich auf alles achten, UW76INT-Aller_Mangel_in_uns3was man gerade macht. Diese Meditationstechnik führt zur Einsicht, zum Klarblick. Es gäbe dazu noch viel zu sagen ... Es ist ein Weg des Praktizierens, nicht des Studierens. Es ist ein Pfad, der zum Ziel führt.

U&W: Ist das so leicht, wie es gerade klingt?

Huber (lacht): Oh nein. Sich selbst vom Leid zu befreien ist die härteste Arbeit, die wir tun können. Der Weg ist mühsam, aber es ist tatsächlich möglich, die Frucht, das Freisein von Leid zu erreichen.

U&W: Was macht der Lehrer dabei?

Huber: Ich führe die Schüler in die Technik ein, zeige ihnen genau, worauf die Achtsamkeit zu richten ist. Dann führe ich mit jedem der Teilnehmer – das sind maximal 15 – ein Einzelgespräch, um zu sehen, ob er auf dem richtigen Weg ist und sich nicht in irgendwelchen unguten Zuständen verliert. Erkenntnisse liefere ich keine, denn die müssen die Schüler selbst machen. Ich bin da, damit die Schüler ihren eigenen Weg sicher gehen können.

U&W: Gibt es ein Schweigegelübde?

Huber: Ja, während des Kurses unterhalten sich die Schüler gar nicht miteinander. Erst dann merkt man, was man eigentlich alles sagen will. Das ist sehr lehrreich. Besonders hinderlich ist das Austauschen von persönlichen Meditationserfahrungen, denn die sind immer höchst individuell und nicht übertragbar. Wenn der eine etwas vom anderen hört, erwartet er Gleiches und ist dann blockiert für seine eigene Erfahrung.

U&W: Welchen Stellenwert hat die Gemeinschaft in Dhammacari?

Huber: Man übt grundsätzlich für sich selbst. Es gibt aber eine Stunde Arbeitsmeditation am Tag. Da werden alltägliche Dinge wie Kochen, Putzen oder Gartenarbeit verteilt und gemeinsam verrichtet. Ziel ist es auch hier, möglichst achtsam zu sein.

U&W: Kann man in Ihrem Zentrum einfach vorbeischauen und meditieren?

Huber: Man muss sich anmelden. Es gibt Kurse von unterschiedlicher Dauer. Leider müssen wir zu beliebten Zeiten wie Ferien jetzt schon häufig absagen, da wir ausgebucht sind. Eine Erweiterung ist geplant. Wenn genug Spenden da sind, gehen wir das an. Allerdings wird es immer so sein, dass die Gruppengröße begrenzt bleibt. Das Einzelgespräch mit dem Lehrer soll auf jeden Fall erhalten bleiben.

U&W: Sie erwähnten vorhin Leidlosigkeit – sind Sie frei von Leid?

Huber: Dazu möchte ich Ihnen etwas aus meinem Leben erzählen: Ich selbst hatte 2004 Krebs diagnostiziert bekommen. Für die meisten wäre das sicher eine Horrormeldung. Aber durch die Meditation erkannte ich: Die Krankheit ist ein Hinweis, dass ich auf etwas achten soll, ein Zustand, der ‚geheilt' werden will. Auf körperlicher Ebene tat ich das körperlich Mögliche: Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Aber diese ‚Reparatur' auf körperlicher Ebene ist nicht unbedingt die Heilung. Wahre Heilung findet auf der geistigen Ebene statt. Im Göttlichen, im Nirvana ist alles heil, leidlos. Und wenn man das in sich erkennt, fällt die Krankheit weg. Das Ziel ist die Freiheit von Leid, von Krankheit. Deshalb gehen wir ja diesen Weg.

U&W: Möchten Sie noch etwas sagen?

Huber: Es ist mir ein Herzenswunsch, dass die Menschen diese wunderbare Lehre bekommen – dass sie erkennen, dass dieses wunderbare Leben in uns ist. ‚Es' ist nicht außen zu finden. Aller Mangel in uns ist heilbar!

Hildegard Huber, geboren 1960, ist eine deutsche Vipassana-Lehrerin, die unter der Führung des thailändischen Abtes Ajahn Tong von Wat Chom Tong seit 1992 zu meditieren und zugleich zu lehren begann. 1998 autorisierte sie Ajahn Tong als Vipassana-Lehrerin und gab ihr den Namen Dhammacari. Seitdem leitet Hildegard Huber die Kurse alleine und gab 2004 ihr weltliches Berufsleben ganz auf. Im September 2004 wurde auf Anregung ihres Lehrers der Dhammacari Vipassana Meditationszentrum e.V. gegründet mit dem Ziel, ein Meditationszentrum in Deutschland aufzubauen. Dieses konnte im Februar 2006 im Sonnenthal (Nähe München) eröffnet werden. Seither lebt und lehrt Hildegard Huber dort. www.vipassana-dhammacari.com

Das Interview führte Marcus Bauer. Er ist TV-Journalist sowie Yoga- und Meditationslehrer aus Köln. Er praktiziert selbst Vipassana seit 1988.



Kommentar schreiben