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23. Februar 2012

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„Ich suche die Leidfreiheit"

UW77SCHW-Ich_suche_die_leidfreiheitDer österreichische Psychotherapeut und Meditationslehrer Christoph Köck über die Quelle des Theravada und das Besondere an der Vipassana-Meditation.

U&W: Was ist das Besondere am Theravada-Weg?

Christoph Köck: Erstens die Verbindung zum Ursprung. Die Lehre geht zurück auf die Lehrreden des historischen Buddha und orientiert sich weniger an der Meinung späterer Lehrer und Kommentatoren. Zweitens sind die zentralen Themen des Theravada-Buddhismus relativ unabhängig von kulturellem Ballast. Später hat sich die buddhistische Lehre in den verschiedensten Ländern verbreitet und mit den unterschiedlichsten Kulturen vermischt. Teilweise hat sich das befruchtend, teilweise aber auch verzerrend ausgewirkt.

U&W: Die Lehre hat also einen Originalitätsfaktor?

Köck: Ja. Die Lehre ist sehr psychologisch und lebensphilosophisch orientiert und weniger an kulturell bedingte Formen gebunden.

U&W: Der Zen und der tibetische Buddhismus gehen in die gleiche Richtung. Was ist also das Besondere am Theravada-Weg?

Köck: Die Sprache und die Praxis sind sehr lebensnah. Idealismus und Mystizismus haben da weniger Platz. Alle Wesen befreien zu wollen oder die Leerheit aller Konzepte zu betonen, birgt viel Raum für Missverständnisse; diese Sicht mag aber meiner kleingeistigen Haltung entspringen.

U&W: Der Linie des Hinayana wird oft vorgeworfen, dass es nur um die Entwicklung des eigenen Selbst geht, um eine Leidfreiheit des eigenen Geistes. Ist das nicht ein bisschen egoistisch?

Köck: Der Vorwurf ist ein alter und ein sehr theoretischer. Praktisch gesprochen leben Menschen nie in Isolation. Wahres Wohl und wahres Glück können nie auf Kosten anderer erreicht werden. Es liegt in der menschlichen Natur: Je weniger man selbst mit den eigenen Problemen kämpft, desto mehr Platz und Interesse ist für andere da. Das ist unsere zutiefst soziale Natur. Obwohl das Ziel die eigene Leidfreiheit ist, heißt es nicht, dass man sich nicht um andere kümmern möchte und kann. Das ist ein tiefes Bedürfnis. Man muss dies aber realistisch sehen: Es ist schon schwer genug, selbst zu erwachen, andere dabei zu unterstützen, ist noch eine ganz andere Ebene.

U&W: Was halten Sie vom engagierten Buddhismus auch in Bezug auf die aktuelle Hungersnot am Horn von Afrika? Wie geht ein Theravada-Buddhist konkret mit dieser Situation um?

Köck: Es ist eine menschliche Tragödie, auf die es gilt, menschlich zu reagieren. Wie ein ‚Theravada-Buddhist' (was immer das sein mag) reagieren sollte – dieser Gedanke kommt mir nicht in Bezug auf diese Katastrophe. Es ist sicherlich sinnvoll zu spenden. Wer aber die Berufung spürt, sich direkter zu engagieren, soll dies tun. Ob aus einem Theravada-buddhistischen, Zen-buddhistischen, atheistischen oder christlichen Mitgefühl heraus, ist doch egal.

U&W: Was ist das Besondere an der Vipassana-Meditation? Was unterscheidet sie von der Zen- und der tibetischen Meditation?

Köck: In der Theravada-Tradition ist es ein veraltetes Verständnis, Vipassana sei die einzig wahre Meditation. Oft wird künstlich zwischen Samatha (Ruhemeditation) und Vipassana (Einsichtsmeditation) unterschieden. Buddha hat aber immer betont, dass Samatha und Vipassana nur zusammen funktionieren. Was spezifisch buddhistisch ist, ist der Kontext und das Verständnis. Vipassana-Techniken gibt es auch im Yoga und in anderen spirituellen Traditionen. Vipassana bedeutet wörtlich ‚klares Sehen', mit dessen Hilfe wir leidbringende Muster aufheben können. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, sich zu sammeln, und das ist Samatha. Diese beiden Dinge lassen sich also nicht wirklich trennen. Vipassana-Meditation ist ein phänomenologischer Ansatz. Wie stellt sich Erfahrung dar? In der Lehre und Praxis der Vipassana-Tradition findet sich tendenziell sehr viel Feingefühl. Im Zen-Buddhismus kümmert man sich weniger um Einsicht in persönliche Muster und Emotionen.

U&W: Und im Vergleich zum tibetischen Buddhismus?

Köck: Hier wird mehr mit Visualisationen und Mantras gearbeitet. Es kann ein hilfreiches Mittel sein, mit dem Bodhisattva des Mitgefühls zu verschmelzen. Es braucht aber eine Art des Glaubens, der für viele Menschen schwierig anzunehmen ist.



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