Die deutsch-amerikanische Meditations-lehrerin Ruth Denison, 87, zählt zu den ersten westlichen Vipassana-Lehrerinnen. Sie spricht über die Arbeit in ihrem Meditationszentrum Dhamma Dena, warum Achtsamkeit so wichtig ist und warum es sich lohnt, sich ‚schön’ anzuziehen.
Paul Köppler: Wie arbeitest du mit anderen Menschen? In Kursen oder im Alltag?
Ruth Denison: Ich habe zwei Ebenen. Einmal folge ich den Anweisungen des Buddha und meines Lehrers U Ba Khin. Zum Zweiten versuche ich, den Menschen direkt zu zeigen, wie sie das Dhamma in sich spüren, anwenden und verstehen können. Ich zeige ihnen Wege, das Dhamma in sich zu prüfen. Wenn jemand Ärger hat, dann führe ich ihn dahin, diesen Geisteszustand so genau wie möglich zu bemerken: Wo finde ich ihn im Körper, was macht er im Denken? Wie kannst du ihn erkennen und loslassen? Ich gebe Hilfe für eine geistige Orientierung und Veränderung.
Außerdem habe ich die Schulung in ‚sensory awareness’. Die Begründerin dieser Übungen hat niemals etwas kommentiert oder irgendwo hingeführt. Doch ich verbinde es mit dem Dhamma, ich führe die Menschen zur Einsicht, zum Verstehen.
Vor kurzem kam eine Thailänderin. Ich habe mit ihr gearbeitet. Sie sagte anschließend: „Was ich von dir in zwei Stunden bekommen habe, das habe ich von meinen Lehrern in 20 Jahren nicht erhalten.“ Das kommt auch daher, weil ich sehr individuell arbeite. Wenn Lehrer zu viele Schüler haben, dann können sie das oft nicht mehr.
Welche Methoden verwendest du?
Ich arbeite viel mit dem Körper. Wenn man den Körper in seiner jeweiligen Haltung wahrnimmt, dann kann man auch mit Achtsamkeit durch den Körper gehen. Sehr hilfreich ist außerdem die Methode, die Elemente des Körpers zu erkennen. Mein Lehrer U Ba Khin hat großen Wert gelegt auf die Erfahrung der körperlichen Empfindungen. Die Empfindungen sind ein Ausdruck unserer Lebenskraft, genährt vom Atem und vom Herzschlag. Mir ist vor allem wichtig, dass wir sanft und entspannt mit unserem Körper umgehen. Daher mache ich viel mit Bewegung, mit Yoga, mit Tanz, mit Tönen usw., nicht nur stilles Sitzen und Gehen.
Doch alles, was ich mache, hält sich strikt an die ursprüngliche Lehre des Buddha. Wir verwenden den Körper und die Achtsamkeit, um ein klares Verständnis für unser Leben und Sterben zu bekommen.
Wenn wir achtsam zu unserem Körper sind, dann ist das zunächst wie eine Reinigung, eine Art Heilung und Entspannung.
Dann bemerken wir unsere Empfindungen – sie sind entweder angenehm oder unangenehm. Von unseren Reaktionen darauf werden wir vorwärts getrieben und daraus bilden sich unsere Konzepte.
Wenn wir uns dem Körper zuwenden, dann entsteht ganz natürlich eine gewisse Sanftheit, Liebe und Mitgefühl für uns selbst.
Wie kann man lernen, im Alltag nicht auf Empfindungen zu reagieren?
Wenn man in sich hineinschaut, wenn man beobachtet, was geschieht, dann geht das ganz schnell. Zuerst entspannst du dich, dann nimmst du das Geschehen nicht mehr so persönlich. Gerade im Alltag geht das in allen Körperhaltungen sehr gut.
Wenn ich zum Beispiel Ärger merke, dann richte ich die Achtsamkeit auf die Körperhaltung: Ich weiß, dass ich stehe. Dazu braucht man keine große Konzentration, man muss sich nur erinnern, sich besinnen.
In diesem Augenblick ist man nicht mehr so gefangen, man ist in einem Prozess und lernt zu akzeptieren, dass sich alles wandelt, alles vergänglich ist. Wie kann man Vergänglichkeit richtig verstehen?
U Ba Khin hat gelehrt, dass die Vergänglichkeit die eigentliche Lebenskraft ist, die als Schwingung, als Strömung in unserem Körper erfahrbar ist. Er sagte, das ist eine wissenschaftliche Methode, durch die du zum inneren Erwachen kommen kannst. Man kann die Elemente des Körpers fühlen und wahrnehmen, das ist nicht schwierig.
Es ist sehr wichtig, sich immer klarzumachen, dass unser Leben begrenzt ist. Dadurch wird man ruhiger und lernt zu akzeptieren. Auch wir selbst sind nicht fest, alles ist in Bewegung und in uns ist kein festes Ich zu finden. Man sollte sich immer daran erinnern: Alles ist nur für eine kurze Zeit gegeben. Es ist gut, wenn wir in diesem Leben lernen zu sterben. Unser Leben ist nichts anderes als Vergänglichkeit und vor diesem ständigen Wandel verneige ich mich tief.








