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21. Dezember

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Interview mit Bernie Glassman Roshi

Der Weg ist endlos

UW77INT-Der_Weg_ist_endlosBernie Glassman Roshi ist einer der bekanntesten Vertreter eines engagierten Buddhismus, gründete viele soziale Projekte, lädt ein zur Meditation an ungewöhnlichen Orten wie auf der Straße mit Obdachlosen oder in Auschwitz und vertritt die Ansicht, dass man die Tiefe der Erleuchtung im Handeln einer Person sieht.

Paul Köppler: Während sich der Buddhismus im Westen verbreitet, setzt er neue Schwerpunkte. So gibt es eine Richtung, die nennt sich ‚Engagierter Buddhismus'. Sie sind einer der führenden Vertreter dieser Richtung, die versucht, Meditation und soziales Verhalten zu verbinden. Ist das ein speziell westlicher Weg und neu in der Lehre des Buddha oder wird damit eine Tradition fortgesetzt?

Glassman Roshi: Ich denke, es ist eine Fortsetzung. Eine Tradition geht auf Kobadaishi zurück, dem Gründer der Shingon-Sekte aus Japan, der im 6. Jh. lebte. Er sagte, dass man den Grad der Erleuchtung einer Person daran messen kann, wie sie anderen dient. Das ist für mich einer der Anfänge eines sozial engagierten Buddhismus. Was er damit meinte, ist sehr klar. Die Erleuchtung wird definiert als eine Erfahrung der Einheit des Lebens, der Verbindung allen Lebens. Die meisten Menschen erfahren sich mit sich selbst verbunden, sie empfinden: „Das ist mein Körper, das sind meine Hände." Wenn die Tiefe ihrer Erleuchtung da aufhört und sie die Einheit nur in Beziehung auf sich selbst erfahren, dann werden ihre Handlungen darauf gerichtet sein, für sich selbst zu sorgen. Sie denken: „Ich möchte noch besser, klarer, gesünder oder weiser werden." Es dreht sich alles um das eigene Ich. Wenn jedoch das Gefühl der Verbindung weiter geht, so wie z.B. eine Mutter sich nicht getrennt vom Kind fühlt, dann erfolgt daraus ein Handeln und Sorgen für andere.

Paul Köppler: Aber das ist doch ganz natürlich.

Glassman Roshi: Das ist alles natürlich, doch es hängt vom Erleben der Verbundenheit mit dem ganzen Leben ab. Verbundenheit ist nur ein Wort, aber was zählt, ist die Handlung. Ein gutes Beispiel für mich ist der Dalai Lama. Er handelt nicht für sich selbst, nicht einmal nur für die Tibeter, sein Handeln dient der ganzen Welt. Wenn sich die Erleuchtung eines Menschen so vertieft, dann öffnet sich ganz natürlich dieses Handeln für andere. Du dienst dir selbst, doch du selbst bist die ganze Welt. Die Menschen sagen dann: Oh, er sorgt für die anderen, er ist sozial engagiert. Doch zuerst sorgt er für sich selbst.

Dann geht der engagierte Buddhismus auf den Buddha zurück, denn als ein voll erleuchtetes Wesen musste er sich für die ganze Welt engagieren.

Ja sicher, ich würde auch sagen, es geht auf den Buddha zurück. Es gibt jedoch eine bestimmte Weise, die dann zu einer Form wurde. In all den Jahren haben sich verschiedene Wege mit bestimmten Schwerpunkten entwickelt. Mein Weg unterscheidet sich auch von anderen. Ich versuche zu lehren, wie man die Erfahrung der Einheit des Lebens durch soziales Handeln erleben kann. Das ist meine Form. Man sollte nicht warten, bis man erleuchtetet ist, und dann erst etwas für andere tun.

Da müsste man vermutlich zu lange warten.

Genau das ist meine Botschaft: Du brauchst nicht zu warten. In meinem Buch ‚Anweisungen für den Koch' findet sich genau diese Botschaft. Du sollst schauen, welche Zutaten du hast, und dann etwas tun. In all den Jahren ist meine Überzeugung gewachsen, dass das ein eigener Weg geworden ist.

Ich mache die Beobachtung, dass die meisten Wege in den buddhistischen Traditionen von Männern entwickelt wurden. Wenn Frauen hier eine größere Rolle spielten, wäre der sozial engagierte Buddhismus vermutlich schon früher entwickelt worden. In gewisser Weise betonten die Männer den Aspekt der Weisheit und die Frauen den Aspekt des Mitgefühls.

Wenn Menschen, die Meditation im Sitzen praktizieren, bestimmte Einsichten erfahren und sie dann in ihr tägliches Leben, in Familie und Beruf bringen, ist das auch eine Art von engagiertem Buddhismus? Ist es notwendig, sozial tätig zu sein, oder genügt es, im normalen täglichen Leben bewusst zu werden?

Ja, das würde ich auch soziales Handeln nennen. Ich habe diesen Weg gewählt, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es im sozialen Handeln darauf ankommt, wie wir sie machen. Deswegen habe ich die drei Grundregeln der Zen-Peacemaker entwickelt: Erstens sollen wir aus einem Geist des Nichtwissens handeln, also vollkommen offen sein. Zweitens sollen wir Zeugnis ablegen, also bewusst werden. Drittens kommt dann das Handeln. Wenn wir soziales Engagement in solch einer Weise üben, dann geht es viel schneller, die Einheit allen Lebens zu erfahren. Und es reduziert in großem Maße das, was manchmal entsteht, wenn wir Weisheit erfahren, nämlich Arroganz. Ich habe im Zen so viele arrogante Lehrer gesehen, die dann denken: „Das ist der einzige Weg." Oder: „Ich bin besser als andere." Aber ich finde kaum welche unter denen, die engagierten Buddhismus praktizieren.

In meiner Arbeit versuche ich, den Übenden der Meditation Wege zu zeigen, ihren eigenen Geist zu verstehen, wie er funktioniert, wie seine Strukturen sind, welche Hindernisse und Muster er hat. Es geht in die Richtung einer Selbsttherapie. Ist das auch ein Anliegen im engagierten Buddhismus?

Sicher. Sich im engagierten Buddhismus zu betätigen heißt nicht, dass man mit dem Meditieren aufhört. Man hört ja auch nicht auf zu essen. Meditation hat diese Ergebnisse, von denen Sie gesprochen haben, und das ist äußerst wichtig. Ich betonte immer die Wichtigkeit von Meditation, denn das ist Teil meines Lebens.

Hat für Sie die Meditation diese beiden Seiten: einmal den Geist zu vertiefen und zu sammeln und andererseits sich selbst zu reflektieren, Fragen zu stellen, um sich selbst zu erkennen?

In meinem Zen-Training diente die Meditation nicht so sehr der Selbstreflexion. In meinem Leben verwende ich die Meditation auch für Selbstreflexion, doch ich lehre das nicht. Aber wir verwenden Fragen in Form von Koans: Was ist Leben? Wer bist du?

Arbeiten Sie auch mit anderen Religionen zusammen?

Ich habe viele verschiedene Religionen studiert und mit ihren Vertretern gearbeitet. Ich habe Zen und Koans mit Rabbis, mit Scheiks und mit Priestern geübt. Ich bin daran interessiert, von anderen Religionen zu lernen. Ich ermutige sie, Beispiele aus ihrer eigenen Tradition zu bringen, und bin dabei vielen wunderbaren Menschen begegnet. Ich habe gefunden, dass der gleiche Geist von Weisheit und Einsicht in allen Religionen vorhanden ist.

Ich habe vorwiegend mit Vipassana-Lehrern geübt, aber auch Zen, z.B. mit dem Zen-Meister Seung Sahn, dessen wichtigste Lehre war: „Only don't know." Aber ich habe auch die buddhistischen Reden des Buddha studiert und versuche, sie in eine verständliche Sprache zu bringen. Sicher weiß man eigentlich nichts, aber ist es nicht auch notwendig, sich Wissen anzueignen, die Schriften zu studieren? Kann das ‚Nichtwissen' auch missverstanden werden?

Sicher. Die erste Regel der Zen-Peacemaker heißt: Nichtwissen. Aber wenn man nur die Worte hört, kann es leicht falsch verstanden werden. Zuerst versuchen wir in der Koan-Praxis, die Erfahrung des Zustandes der Leerheit zu vermitteln. Dann sollte man erfahren, was die Wurzeln dieser Leerheit sind. Das verstehe ich unter Nichtwissen. Das hat nichts mit Wissen zu tun. Man sollte so viel Wissen wie nur möglich erwerben. Der Zustand des Nichtwissens bedeutet, keine Anhaftung an das Wissen zu haben. Es ist nur die Anhaftung, die Probleme verursacht. Wir ermutigen die Praktizierenden, die Texte und die Sprachen zu studieren. Je mehr Werkzeuge man hat, desto besser kann man dienen.

Eines Ihrer Ziele ist es, das Leiden in der Welt zu verringern. Doch es gibt immer Leiden in der Welt. Das ist die erste edle Wahrheit des Buddha. Es sieht heute so aus, dass wir dabei sind, die Welt, wie wir sie kennen, zu zerstören. Andere Menschen sagen, wir nähern uns einem Wandel des Bewusstseins. Was denken Sie über den Zustand der Welt und was sollten engagierte Buddhisten beachten?

Ich glaube nicht, dass wir die Welt zerstören werden. Wir können die menschliche Rasse ausrotten, aber nicht die Welt. Ich glaube, dass etwas Neues entstehen wird, wenn wir die Menschheit zerstören. Es geht weiter. Ja, ich stimme mit der ersten edlen Wahrheit überein, es gibt Leiden. Dennoch besteht die Arbeit darin, Leiden zu verringern. Und jeder kann dazu auf verschiedene Weise beitragen. Ich meine, jeder sollte das so machen, dass es für ihn einen Sinn ergibt. Je mehr wir unseren Sinn für die Verbundenheit von allem vertiefen, desto natürlicher wird es, dass wir uns dafür einsetzen. Wenn ich sehe, wie ein Mensch hinfällt, dann sehe ich, dieser Mensch bin ich. Und daher ist es ganz natürlich, ihm zu helfen. Wenn meine Hand blutet, ist es natürlich, dass ich etwas tue. Wir lehren zu sehen, dass ein anderer du selbst bist. Wenn du ihm hilfst, dann linderst du dein eigenes Leiden. Wir hören nicht auf, wenn wir die Verbundenheit allen Seins erkennen, wir wollen aus diesem Geist heraus handeln. Ich erlebe mich als einen Teil der anderen und daraus folgt mein Handeln. Das ist mein Weg.



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