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19. September

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Interview mit Jack Kornfield

Nicht Buddhist, sondern Buddha werden!

Jack KornfieldJack Kornfield zählt zu den wichtigsten buddhistischen Lehrern der Theravada-Tradition. Der 67-jährige Amerikaner verbrachte viele Jahre in asiatischen Klöstern und gründete schließlich das Spirit Rock Meditation Center in Kalifornien. Seit den 1960er Jahren arbeitet er erfolgreich daran, die Dharma-Lehre westlichen Menschen zugänglich zu machen.

U&W: Die Sitzbänke in den reformierten und katholischen Kirchen der westlichen Welt leeren sich. Kirchen werden umgewidmet und verkauft, es wird diskutiert, wie das Christentum erneuert und attraktiver vermittelt werden kann. Wie steht es demgegenüber um den Buddhismus?

Kornfield: Das Interesse am Buddhismus wächst, sowohl in Europa, den USA, Kanada wie auch in Lateinamerika, wie ich höre. Ein Grund dafür ist sicher, dass der Buddhismus nicht nur eine Religion und damit auf den Glauben fokussiert ist. Die Dharma-Lehre enthält eine starke kontemplative Praxis, um Herz und Geist in Achtsamkeit, Mitgefühl und Vergebung zu schulen. Das ist sehr nützlich in unserer modernen, komplexen Welt. Und die Neurowissenschaften haben inzwischen klar gezeigt, dass diese Praktiken wirksam sind.

U&W: Ist der Buddhismus definitiv im Westen angekommen?

Kornfield: Ja, und zwar in erster Linie eben in einer Form, die ich die ‚Wissenschaft vom Geiste' nenne. Die Aufgabe westlicher Lehrer meiner Generation war es, den Buddhismus aus dem kulturellen Kontext Asiens zu lösen und für ihn eine Form zu finden, die zur westlichen Kultur passt.

U&W: Was sind die wesentlichen Aspekte dieser Form?

Kornfield: Der Buddhismus, wie ich ihn in Thailand, Burma und Kambodscha kennenlernte, war oft in eine patriarchale, undemokratische Kultur eingebettet. Die heutige westliche Form ist demokratischer, weniger hierarchisch, auf nur einen Lehrer ausgerichtet. Und wir haben den Buddhismus weiblicher gemacht, könnte man sagen. Frauen sind beispielsweise als gleichberechtigteJack Kornfield in Thailand Lehrende und Praktizierende respektiert. Essenziell ist sicher auch, dass der Buddhismus im Westen nicht auf das Leben im Kloster ausgerichtet, sondern sehr mit dem Alltag der Menschen verbunden ist. Wir haben die Dharma-Lehre wie einen Schatz in den Westen mitgebracht und sie dem westlichen Leben des 20. Jahrhunderts angepasst.

U&W: In welche Richtung entwickelt sich der westliche Buddhismus des 21. Jahrhunderts?

Kornfield: Ein junger Praktizierender, der sich viel im Internet und in den neuen sozialen Medien bewegt, sagte mir kürzlich, die Form der Retreats scheine ihm altmodisch. Ich antwortete, vielleicht sei es jetzt die Aufgabe seiner Generation, die Dharma-Lehre ins 21. Jahrhundert zu bringen, also neue Formen zu suchen, wie der Buddhismus vermittelt werden kann.

U&W: Wie entwickelt sich der Buddhismus im Osten?

Kornfield: Die Situation hat sich ein bisschen umgedreht. Viele Menschen im Westen praktizieren heute Yoga, Meditation oder asiatische Kampfsportarten. In Asien hat das Interesse an Spiritualität abgenommen, während das Interesse am Materiellen gewachsen ist. Hochhäuser und Autobahnen werden gebaut – Bangkok und Shanghai sehen schon fast aus wie Los Angeles. Der Osten ist stark mit äußeren Entwicklungen beschäftigt, weil das jetzt anscheinend nötig ist. Es gibt Ausnahmen: In Burma etwa, ein Land, das lange abgeschottet war, ist das Interesse am Buddhismus noch groß.

U&W: Aber insgesamt wird weniger buddhistische Praxis ausgeübt als früher?

Kornfield: Es war schon immer so, dass in Asien nur ein sehr geringer Anteil der Bevölkerung Meditation praktiziert hat. Wichtiger ist in diesen Ländern der religiöse Aspekt des Buddhismus, etwa in der Form von Gebet, Andacht oder Wunschritualen. Auch in den Klöstern Asiens praktizieren nicht alle Mönche – Gebet und das Studium von Texten stehen bisweilen im Vordergrund. Aber es gibt natürlich Klöster, in denen umgekehrt die Praxis zentral ist und sehr tief praktiziert wird.

U&W: Hat Buddha die meditative Praxis nicht für alle empfohlen?

Kornfield: Der Buddha hat sehr individuelle Anleitungen gegeben. Das zeigen die Lehrtexte, in denen er oft auf ganz persönliche Fragen hin Ratschläge erteilt. Gerade für Laien empfahl er nicht unbedingt Meditation, sondern betonte vielleicht, Großzügigkeit zu praktizieren, Mitgefühl zu empfinden oder sein Leben mehr nach von ihm formulierten ethischen Regeln (precepts) auszurichten. Insofern gibt es nicht nur eine, sondern viele Formen von Buddhismus.

Jack Kornfield U&W: Was würde Buddha wohl uns heutigen Menschen empfehlen?

Kornfield: Ich denke, einerseits würde er auch heute sehr individuelle Ratschläge erteilen. Andererseits würde er vermutlich angesichts unserer schnelllebigen und komplexen Zeit generell empfehlen, sich Zeit zu nehmen, um den Geist zu beruhigen, sich mit dem Atem und dem Moment zu verbinden, das Herz zu öffnen und sein Innenleben wahrzunehmen. Genau darum üben ja immer mehr Menschen im Westen eine buddhistische Praxis aus. Sie spüren eine Sehnsucht nach Ruhe und Raum, um wieder in eine innere Balance zu finden.



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