U&W-Autor und Meditationslehrer Paul Köppler im Gespräch mit dem international anerkannten Dharmalehrer Christopher Titmuss über die Erfahrungen in der Meditation, mit den Übenden und mit anderen Lehren und Lehrern.
U&W: Viele Menschen kommen zur Meditation, um ihre Probleme zu lösen, sie suchen eine Art Therapie. Ich mache die Erfahrung, dass es manchmal hilft, manchmal auch nicht. Ist die buddhistische Übung überhaupt eine Art Therapie? Geben sich die Menschen nicht falschen Hoffnungen hin?
Christopher Titmuss: Die Zentren und Lehrer bieten eine große Zahl verschiedener Methoden der Meditation an. Ebenso begegnen wir vielen verschiedenen Problemen, Schwierigkeiten, Menschen in Krisen, mit Neurosen usw.
Die buddhistische Praxis hat immer wieder eine erstaunlich transformierende Kraft für alle Leiden, egal wie tief sie sind. Ein Retreat dauert einige Tage und ich glaube, es ist gar nicht so sehr die Lehre des Buddha, die das bewirkt, sondern einfach die Zeit. Manche Lehrer legen zu viel Wert darauf, dass Meditation die Probleme löst, ich glaube, das ist ein Irrtum. Die Wirkung liegt eher in verschiedenen Faktoren, die zu einem Retreat gehören, wie z. B. die Vorträge, die tägliche Arbeit, kleine Gruppen, Interviews ...
Besonders auch das Schweigen ...
Absolut. Auch das gemeinsame Essen, eine Atmosphäre von Liebe, alles zusammen kann sehr tief gehen. Ich habe oft erlebt, dass Menschen in schrecklicher Verfassung ankamen und völlig verändert gingen.
Das ist auch meine Erfahrung. Nicht die Meditation, die Methode oder Technik ist wichtig, sondern vielmehr die Energie, der Raum, den man gibt und erhält.
Ganz sicher. Manchmal kommen auch Menschen mit Tendenzen zu Selbstmord. Da kann man nur Energie geben, Fürsorge, Zeit und Liebe. Das kann zur Transformation beitragen. Oft ist es besser, wenn solche Menschen nicht in den Meditationsraum gehen, sondern etwas anderes machen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen am Anfang eine bestimmte klare Technik haben möchten und manche Schulen und Lehrer geben das auch. Doch der Buddha lehrte so viele Methoden. Ob du eine Methode gibst oder viele anbietest, du weißt nicht, was ein Übender wirklich macht. Letzten Endes scheint es gar nicht so entscheidend, was ein Praktizierender macht. Wichtig ist, ob es eine positive Wirkung hat.
Schon aus der gewohnten Umgebung auszubrechen kann ein wichtiger Schritt sein.
Viele Lehrer sagen, Meditation der Achtsamkeit bedeutet, im Augenblick zu leben, im Hier und Jetzt. Ist es überhaupt möglich, immer in der Gegenwart zu leben, immer achtsam zu sein?
Ich habe in all den Lehrreden nirgends eine Stelle gefunden, in der der Buddha von ‚Hier und Jetzt' spricht. Er sagt, wir sollen auf das schauen, was im Moment erscheint. Wir können nicht immer in der Gegenwart leben. Dann könnten wir nichts planen, nichts vorbereiten, auch nichts lernen. Der gegenwärtige Moment würde zu einem Gefängnis unseres Bewusstseins. Der Buddha sagt etwas sehr Wichtiges in seiner Rede von den Grundlagen der Achtsamkeit. Er sagt: „Sei achtsam soweit, wie es notwendig ist." Das bewahrt mich als Lehrer davor, das Gefühl zu haben, ich müsste die ganze Zeit über achtsam sein. Manchmal sagt meine Tochter: „Daddy, ich kann es nicht fassen, dass gerade du ein Lehrer der Achtsamkeit bist."
Das Herz der buddhistischen Übung liegt in der Überwindung des Begehrens, des Verlangens. Können wir überhaupt ohne Begehren leben?
Das Herz der buddhistischen Lehre liegt in den vier edlen Wahrheiten. Die zweite Wahrheit sagt uns, was wir loslassen sollen, nämlich das Begehren. Das Problem im Westen ist, dass wir die Worte Begehren, Verlangen, Wünsche auch für unsere täglichen normalen Bedürfnisse verwenden. Natürlich will ich essen oder auf die Toilette gehen und wenn ich diese Wünsche loslasse, hätte das unangenehme Folgen.
In Pali heißt das Wort ‚Tanha', das ist ein Begehren, das bereits ein Problem in sich trägt, das Angst und Unglück hervorruft, das unheilsame Tendenzen hat, das nicht klar in sich selbst ist. Wir müssen unser Begehren erkennen und nicht festhalten. Man kann nicht leben ohne Verlangen, man kann nicht lieben ohne Verlangen, aber man kann erkennen, ob man liebt oder ob man anhaftet.
Um das zu erkennen, braucht man jedoch gute Achtsamkeit.
Genau, so ist es.
Welche Rolle spielt denn die Liebe in der Meditation? Können wir denn, wie der Buddha empfiehlt, Hass in der Welt durch Liebe überwinden?
Der Buddha sagt nicht, dass Hass durch Liebe überwunden wird, sondern dass Hass zum Schwinden gebracht wird, indem man nicht hasst.
Für manche Menschen, die Hass erfahren, ist es zu schwer, dann das Herz zu fragen, der Wechsel von Hass zu Liebe ist zu groß, ist nicht möglich.
Was hilft uns, wenn wir Gewalt und Hass begegnen?
In Buddhas Lehre wird viel Wert auf Versöhnung gelegt. Was uns dabei hilft, ist, uns zunächst zu öffnen, zu schauen und die Abwehr abzulegen. Ich habe immer wieder Begegnungen mit hasserfüllten Menschen, z. B. in Israel, und was mir hilft, wenn ich auch keine Liebe empfinde, ist, wenigstens nicht feindlich zu sein, zuzuhören. Ich versuche zu verstehen, in der Gegenwart zu bleiben. Der Buddha empfiehlt dann, den mittleren Bereich zwischen Hass und Liebe aufzusuchen.
Nicht wenige Übende kommen, um bei der Meditation Ruhe, Stille und Tiefe zu erfahren. Das kann allerdings auch zum Hindernis werden. Was ist der Sinn von Ruhe und tiefer Konzentration?
In den letzten Jahren entstand ein wachsendes Interesse an den meditativen Vertiefungen (Jhanas). Das kommt einerseits durch manche Lehrer wie z. B. Ayya Khema, durch das Studium buddhistischer Texte und andererseits durch die Erfahrungen von vielen Übenden, die tiefe Konzentration erlebt haben und noch mehr davon erfahren möchten. Das kann geschehen, ohne dass man irgendetwas von Jhanas gehört hat. Es zeigt den Menschen, dass eine Erfahrung von Glück im Inneren gefunden werden kann, ohne einen äußeren Anlass. Es gibt ein Gefühl von Harmonie, von Einheit, und Hindernisse lösen sich auf. Manche Menschen brauchen mehr die Erfahrung von innerer Stille, andere brauchen mehr die Einsicht.








