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26. Juli

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Interview mit Tineke Osterloh

Buddhistische Praxis als Dharma-Coaching

Tineke OsterlohTineke Osterloh, 44, arbeitet als Dharma-Coachin und erklärt, was darunter zu verstehen ist und warum wir eine moderne Dharma-Kultur brauchen.

U&W: Sie sind Lehrerin für Achtsamkeitsmeditation und Dharma-Coaching. Sind Sie nun der buddhistischen Tradition verbunden oder beschreiten Sie ganz neue Wege?

Tineke Osterloh: Meine Wurzeln sind ganz klar in der Tradition, vor allem durch Christopher Titmuss, meinen Mentor und Lehrer, der mich auch autorisiert hat. Außer ihm hat es verschiedene Lehrer anderer buddhistischer Richtungen gegeben, wie z.B. die Zen-Meisterin Joan Halifax Roshi. Allen gemeinsam sind die große spirituelle Tiefe und ihr Engagement in der Welt.

Ihre Kurse heißen aber ‚Achtsamkeitsmeditation und Dharma-Coaching'. Was dürfen wir darunter verstehen?

Dharma-Coaching ist ein Angebot, das ich ergänzend zu den Meditationskursen entwickelt habe. Die Erfahrungen bei den Retreats zeigten mir, dass viele Menschen mit ihren ganz konkreten Problemen in die Schweigekurse kamen und diese Themen mit mir in den Einzelgesprächen bereden wollten. Manchmal brannten sie ihnen regelrecht unter den Nägeln und beeinflussten intensiv die Meditationserfahrung. Diese Teilnehmer suchten für sich Klarheit und stimmige Entscheidungshilfen für ihren Alltag – von jemandem aus dem Dharma.
Das fand ich so spannend, dass es mich angeregt hat, eine Ausbildung zum Systemischen Coach zu machen, um mir weitere solide Beratungsgrundlagen zu erarbeiten. Vorher hatte ich ja auch schon viele Fortbildungen in Prozessorientierter Psychologie nach Arnold Mindell absolviert.

Sehr häufig sagt man, dass Vipassana-Meditation für Menschen ist, die keine allzu großen seelischen Probleme haben, während Menschen, die unter solchen leiden, besser in eine Therapie gehen sollen. Meine Erfahrung ist, dass sowohl in Retreats als auch in Einzelberatungen die Teilnehmer oft schwere Probleme und Störungen haben, z.B. Depressionen. Mittlerweile wird Achtsamkeit von Psychologen als therapeutische Maßnahme eingesetzt. Müssen wir uns als Meditationslehrer von den klassischen Methoden verabschieden und neue Wege suchen?

Nein, finde ich nicht. Unsere Wurzeln sind wichtig. Aber wir brauchen auch Flügel: eine Vision für eine moderne Dharma-Kultur und kreative Ideen und Angebote für die Menschen, die zu uns kommen.
Dharma-Coaching ist konkrete Alltagsberatung. Die allermeisten Klienten leiden auch nicht unter einer Störung, sondern befinden sich gerade in einer schwierigen Lebenssituation und fühlen sich ratlos. Sie kommen oft mit komplexen Themen rund um berufliche oder private Veränderungen, empfinden Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz oder das Gefühl, sich nicht richtig entfalten zu können.
Ich sehe das Dharma-Coaching als einen Aspekt des Dharma-Lebens

Ich habe eine Vision vom Dharma als Inspiration für eine ganze Lebenskultur

 und damit durchaus auf dem ‚Achtfachen Pfad': Es ist nicht so sehr Achtsamkeits- oder Konzentrationstraining, sondern mehr im ethischen Bereich verankert – also vor allem rechter Lebenserwerb, Handeln und Kommunikation. Auch rechtes Bemühen um heilsame Geisteszustände ist oft ein wichtiger Aspekt, doch das ist vielleicht schon mehr ein Feld für buddhistische Therapie. Meine großen Arbeitsbereiche in der Einzelberatung sind rechter Lebenserwerb, Finanzen, Beruf, Kommunikation und Konfliktlösung.

Geht es mehr um weise Reflexion über die eigene Situation und wie ich damit umgehe?

Ach, mehr noch: Es ist ein intensiver Klärungsprozess. Dazu gehört besonders auch die Frage, wie man seine Erkenntnisse im Alltag in konkrete Schritte umsetzt.

Sind die Übergänge nicht fließend? Menschen mit Problemen gelangen doch oft an ihre Grenzen. Ich begegne in fast allen Beratungen Verhaltensmustern, die von bestimmten Glaubenssätzen, Zwängen und gedanklichen Mustern aufrechterhalten werden. Für mich ist das bereits eine therapeutische Arbeit, wann man das aufdeckt und Veränderung ermöglicht.

Das stimmt. Die Arbeit mit Glaubenssätzen und Überzeugungen ist sehr wichtig. Das gehört zum Bereich Achtsamkeit für Gedanken. Manchmal ist es wirklich eine befreiende Erkenntnis, im Coaching herauszufinden, welche Gedankenmuster und Überzeugungen hinter den Problemen stehen und wie man sich damit immer wieder seine eigene Welt schafft, indem man ihnen ungeprüft Glauben schenkt. Ich ermutige daher häufig zu einem Perspektiven-Wechsel.

Wie unterscheiden sich Ihre Dharma-Coaching-Seminare von einem Retreat, wo man vorwiegend sitzt, geht, schweigt und Vorträge hört?

Während eines Kurses treffe ich die Teilnehmer täglich für etwa eine Stunde in Kleingruppen. Es können zu jedem Thema Fragen gestellt oder Erfahrungen mitgeteilt werden. Wir kommen in einen Dialog, hinterfragen gemeinsam. Manchmal nimmt das Gespräch dabei eine überraschende Wendung. Das ist eine intuitive Arbeit. Die anderen in der Gruppe hören nur achtsam zu, es ist nicht erlaubt zu kommentieren. Sie sind wohlwollende Zeugen, die den Klärungsprozess unterstützen. Wer nicht in der Gruppe sprechen mag, kann zu einem Einzelgespräch kommen.

Was geschieht in der übrigen Zeit des Tages?

Wir üben stille Achtsamkeitsmeditation und viel Metta, das ist die Entfaltung von Liebe und Mitgefühl. Die Meditation unterstützt das Dharma-Coaching. Wenn man in feinfühligen Kontakt mit sich kommt, entsteht auch Fürsorge für sich selbst. Meine Dharma-Vorträge sind manchmal eher als Lehrgespräche konzipiert – sozusagen interaktive Dharma-Vorträge, bei denen ich an bestimmten Stellen unterbreche und die Zuhörer nach ihrer konkreten Erfahrung frage.

Die buddhistische Meditation, wie sie überliefert ist, legt viel Wert auf Sammlung, Vertiefung und lange Meditationszeiten, um in einen ruhigen Geist zu kommen. Spielt das für Sie auch eine Rolle?

Ja, das ist wichtig. Da kann eine Tiefe erreicht werden, die in der Alltagspraxis meistens nicht erfahren wird. Für einen langen Zeitraum in die Stille zu gehen und intensiv zu meditieren ist ein großes Geschenk.



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